Konfrontation mit der Vergänglichkeit

Konzert:  Das Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter Aschaf­fen­burg mit »Cinemusic« in der Stadthalle

Das Philharmonische Orchester Aschaffenburg unter der Leitung von Michael Millard.

Foto: Laszló Ertl


Das jüngste Konzert in der Reihe "Cinemusic" des Philharmonischen Vereins Aschaffenburg trug den Titel "Kino für die Ohren". Es liegt am - teuren - Urheberrecht für Filmmusik, dass klassische Werke aus dem 19. und 20. Jahrhundert auf dem Programm standen: "Tristan und Isolde", Vorspiel und Liebestod, von Richard Wagner (1813 - 1883), die sinfonische Dichtung "Die Toteninsel" von Sergej Rachmaninow (1873 - 1943) und die Sinfonie Nr. 6 in h-Moll, die "Pathétique" von Peter Tschaikowsky (1843 - 1893). 

Moderatorin Alexandra Kieser nannte etliche Filme, in denen Musikpassagen aus den drei Monumentalwerken verwendet wurden. Mit einem Filmtitel, mit "Melancholia" (2011) von Lars von Trier, traf Kieser in Schwarze der hochkarätigen Konzertveranstaltung, die mehr Besucher verdient gehabt hätte als die anwesenden 400. "Melancholia" zeigt die letzten Stunden der Schwestern Justine und Claire vor der Kollision der Erde mit dem Planeten Melancholia. Für den Film wurde das Vorspiel zu "Tristan und Isolde" eigens aufgenommen und bearbeitet. Interessant ist das unterschiedliche Verhalten der Protagonisten angesichts des Todes: Justines karrieresüchtiger Mann begeht einsam Selbstmord, Claire will gemeinsam mit Schwester und Tochter Abschied feiern, und Justine, die das Desaster voraussah, überwindet ihre schwere Depression und sieht sich schließlich in tiefer Liebe mit dem Kosmos vereinigt. 

Das Philharmonische Orchester unter Leitung von Michael Millard präsentierte Wagners Original atemberaubend ästhetisch und transparent. Selbst im düstersten Blechbläser-Pianissimo konnte sich kein schmierig-pathetischer Ballast breitmachen. Packend bis zum Schluss wurde die mittelalterliche Geschichte von unerfüllter Liebe erzählt: mit ihren Sehnsuchtsseufzern und Höhenflügen, mit der sich permanent steigernden, schier unerträglichen Spannung unter dem Druck der grausamen Realität, bis hin zum erlösenden Tod. "Wie klingt der Tod!" Alexandra Kieser stellte diese Frage in der Anmoderation von Rachmaninows "Toteninsel", die 1909 in Moskau uraufgeführt wurde. 

Für manche Konzertbesucher war sie der Höhepunkt des Abends. Das Orchester setzte die hoch komplexe Komposition faszinierend ausdrucksvoll um. Sie erklang meisterhaft fein gezeichnet, und doch voller erschütternder Kontraste - wie die Schwarz-Weiß-Radierung von Max Klinger nach einem Gemälde von Arnold Böcklin, die Rachmaninow inspiriert hatte. Das Stück begannt mit einer langsamen Einleitung, in der man den Ruderschlag des Boots zu hören meinte, das übers Meer Richtung Begräbnisinsel unterwegs war, mit einem Sarg und einer weiß verhüllten Trauernden. "Eins-zwei, eins-zwei-drei", klang der schleppende Fünf-Achtel-Takt, wie ein Trauermarsch, der so schwer zu gehen ist, dass die Kräfte nachlassen, der aber dem Sog der letzten Ruhestätte nicht entkommen kann.

Rachmaninow verwendete in seinem 20-minütigen vertonten Stimmungsbild immer wieder das Dies-irae-Motiv aus der gregorianischen Totenmesse, die an den "Tag des Zorns" beim Jüngsten Gericht erinnert. Diesen niederschmetternden Klängen setzte der Komponist das sanfte Wogen der Wellen und lyrische Passagen in D-Dur entgegen. Überirdisch hell erklangen die Holzbläser, als sie Trugbilder von verflossener Lebensfreude malten. Die Illusion schimmerte auf und verschwand wieder, bevor sich in einem Pauken-Gewitter böse Dissonanzen auftürmten. Mit einem gespenstischen Flageolet der Geigen und der Klage der Oboe verklang die düstere Szenerie und wirkte im letzten Moment fast versöhnlich und friedlich. 

Nicht nur Rachmaninow, auch Tschaikowsky, schuf Werke, die geprägt waren von der Endzeitstimmung des "Fin de Siècle" (Ende des 19. Jahrhunderts) in seiner Heimat Russland, wo das Zarenreich mit seinen verkrusteten Strukturen bereits angezählt war. Der Wechsel zwischen grimmiger Realität und flüchtigen Träumen vom Glück prägt auch Tschaikowskys berühmte und sagenumrankte "Pathétique", die 1893 in St. Petersburg uraufgeführt wurde, neun Tage vor dem Tod des Komponisten. 

Das Philharmonische Orchester verlieh ihr so viele neue und moderne Akzente, dass man bis zum Schluss gefesselt blieb von der vermeintlich bestens bekannten "Letzten" des Romantikers Tschaikowsky. Auch sie endet, wie die "Toteninsel", mit einem schicksalsergebenen Verhauchen, hier ein h-Moll-Akkord der tiefen Streicher. Und auch in ihr findet sich ein ungewöhnliches Metrum. Der Walzer im zweiten Satz hat einen Fünf-Viertel-Takt. Brillant und hoch sensibel zeichnete das Orchester die Leidenschaft, den Mut und den Charme, vor dem die Sinfonie trotz aller Melancholie strotzt, bevor sie mit einem erschütternden langsamen "Adagio lamentoso", einer ersterbenden Klage, fast wie ein Requiem endet. Oder ist es eine Anklage? Der Blick auf die "Pathétique" könnte sich durchaus verändert haben seit dem 24. Februar 2022 - als die großangelegte und umfassende russische Invasion in die Ukraine als offene Vollinvasion startete und die bis heute anhält. 

Melanie Pollinger

Main-Echo

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