»Champagner Musicale« Konzertbesprechung
Main-Echo // CHRISTIANE FRANKE
Aschaffenburger Orchester mit Gästen der Oper Frankfurt begeistert mit spanischem »Champagner Musicale«
Über 800 Besucher
Zur 31. Auflage bot der Philharmonische Verein am Samstagabend in der Aschaffenburger Stadthalle mit »Champagner Musicale« ein Konzert, das Bekanntes nicht lässt, ohne Neues zu wagen. Der Titel »Viva España!« war Programm, authentische Folklore im Verbund mit klassischen Meisterwerken jener, die sich vom iberischen Temperament inspirieren ließen, um die Vielfalt spanischer Musik aufzuzeigen, Flamenco, Cante jondo, Paso doble, Jota aragonesa, Sevillana, Bolero, Zarzuelas und farbenfrohe Rhapsodien.
Im Eröffnungsstück, Manuel de Fallas »Der Dreispitz«-Finale aus der 2. Suite trifft spanischer Volkstanz auf subtile Orchesterkunst. Kaum dass Dirigent Michael Millard den Taktstock gehoben hatte, versprühte das Philharmonische Orchester spanischen Verve. Die Streicher artikulierten federnd, die Holzbläser warfen helle Schatten und irgendwo zwischen dem Klappern der Kastagnetten entstand ein Puls, der trug. Im Verlauf des Abends bestätigte sich dieser erste Eindruck. Millard hat ein gutes Gespür für Bewegung in Linien, für rhythmische Spannung jenseits der Oberfläche. Das Orchester reagierte punktgenau, tänzerisch streng, mitreißend musikalisch.
Nicht weniger begeisternd agierte das Sänger-Ensemble. Derzeitige Mitglieder des Frankfurter Opernstudios reüssierten spielvergnügt mit Highlights der Opernliteratur, im ersten Teil mit einem Ausschnitt aus Gaetano Donizettis selten zu hörender Oper »La favorita« und mit der Liebestrank-Szene aus seinem Kassenschlager »L´elisir d´amore«.
Die amerikanische Mezzosopranistin Ruby Dibble mischte mit ihrer Arie »O mio Fernando!« aus »La favorita« einen Hauch italienischer Schwermut in die südliche Klangszenerie de Fallas. Ihr Mezzosopran ist volumenreich, ihre Diktion fordernd.
Charmanter Sänger-Schauspieler
Nach De Fallas »Dreispitz«-Danca zog der südkoreanische Tenor Jihun Hong alle Aufmerksamkeit auf sich. Nemorinos Arien »Quanto è bella« und »Una furtiva lacrima« gestaltete er mit Kraft und großem Atem. Die armenische Sopranistin Alina Avagyan sang und spielte Adina, eine Bilderbuchsoubrette mit heller Stimme, die mühelos die Höhen erklomm.
Der dritte im Bund, Jonas Müller erwies sich vom ersten Moment an als charmanter Sänger-Schauspieler. Auch wenn der Bariton eine burleske Rolle ausfüllte, sang er mit feinem Atem und kluger Zurückhaltung. Seine Stimme ist warm, geerdet, kein Schmelz um des Effekts willen, fähig zu großen Emotionen. Gemeinsam erwiesen sie eine erstaunliche Balance im Ensemble und begeisterten das Publikum.
Die Rückkehr zum reinen Orchesterspiel nach so viel Opernglanz birgt Risiken, die das Philharmonische Orchester geschickt umschiffte. Mit Rimski-Korsakows Capriccio Espagnol versprühte dieses handverlesene Projektorchester spanische Ekstase und bereitete mit einem ersten kleineren Solo der Konzertmeisterin einen weiteren Höhepunkt des Abends vor.
Nach der Pause war es dann so weit. Die neue Konzertmeisterin Sinn Yang präsentierte sich dem Publikum mit Pablo de Sarasates »Carmen-Fantasie« op.25. Der spanische Geiger bastelte aus Bizetschen Motiven wie Seguidilla, Habanera und La Garde montante ein Virtuosenfeuerwerk, das sowohl technische Brillanz als auch Klangschönheit einfordert. Sin Yang ging die Aragonesa moderat an, gestaltete die Habanera und das Lento, als wisse sie, dass Sarasate mehr ist als Schau, zog in der Seguidilla das Tempo an, um mit einem rasanten Zigeunertanz zu enden. Technisch ansprechend meisterte sie die Bandbreite virtuoser Spielkunst mit blitzenden Flageoletts, spritzigem Spiccato, linkshändigem Pizzicato, rasenden Arpeggios und glutvollen Doppelgriffen. Das Orchester übte sich in extremer Zurückhaltung. Das Publikum jubelte, wollte sich nicht beruhigen.
Eleganz und Spiellaune
Der kurzweilige Reigen kleiner Kostbarkeiten danach bewirkte das seine. Maurice Ravels Trinklied »Chanson à boire« interpretierte Jonas Müller nicht ohne Augenzwinkern charmant gebrochen ironisch. Sprühende Operettenseligkeit verströmte Alina Avagyan mit »Canción del Arlequin« aus Amadeo Vives' Zarzuela »La Generala«. Nach einem kurzen Zarzuela-Intermezzo bot Jihun Hong mit der berühmten Jota des Baturros aus José Serranos Zarzuela »El trust de los tenorios« ein weiters Glanzlicht. Emotional expressiv wie berührend sehnsuchtsvoll interpretierte Ruby Dibble »Al pensar en el dueño de mis amores« aus Ruperto Chapís Zarzuela »Las hijas del Zebedeo«. Das Aschaffenburger Orchester begleitete diese Raritäten in einer Mischung aus Eleganz und Spiellaune.
Und dann: Chabriers España, ein jubelndes Finale, das perlte wie Champagner. Brillant, aber nicht aufgedreht. Der Klang blieb klar, die Artikulation wach, das Dirigat am Pult bedingungslos fordernd präzise. Das Publikum, laut moderierender Animateurin Anna Ryberg über 800 Besucherinnen und Besucher, applaudierte hell begeistert, forderte mit Standing Ovation Zugaben und wurde belohnt. Was es hier in knapp drei Stunden erlebte, war kein touristisches Programm voller Flamenco-Klischees, sondern eine Lektion in klanglicher Kultur, rhythmischer Präzision und mediterraner Noblesse.